Wenn ein Pferdeschritt zur Therapie wird
Eine Frau sitzt auf dem Pferderücken. Von aussen sieht es aus wie ein ganz normaler Ausritt im Schritttempo. Ist es aber nicht. Sie reitet nicht. Sie lässt sich tragen. Neben dem Pferd und die Frau stützend, geht Debora Marti. Sie ist ausgebildete Physiotherapeutin.
«Geht’s, sitzt du gut?», fragt sie die Frau auf dem Pferd.
Was hier passiert, ist Therapie auf dem Rücken eines Pferdes.

Der Fachbegriff dafür: Hippotherapie. Dieser Begriff wird weltweit ziemlich unterschiedlich verwendet, mal für therapeutisches Reiten, mal für pädagogische Angebote mit Pferden. Der Begriff ist nirgends geschützt, jeder versteht etwas anderes darunter.
Anders die Hippotherapie-K, kurz HTK. Die ist in der Schweiz klar definiert und rechtlich geschützt. Das «K» steht für Ursula Künzle. Die Physiotherapeutin hat die Methode vor rund vierzig Jahren an der Neurologischen Klinik Basel entwickelt. Sie war selbst passionierte Reiterin und merkte: Diese Bewegung im Pferderücken, die kann man nutzen. Nicht zum Reiten, sondern um zentrale Bewegungsstörungen zu behandeln.
Von dieser Methode ist auch Debora Marti überzeugt. Sie ist spezialisiert auf die Hippotherapie-K.
Ein Blick in die Hippotherapie
Beim Besuch einer Therapiesitzung wird gerade eine junge Frau mit Cerebralparese behandelt. Sie sitzt auf dem Pferd, ohne aktiv zu lenken. Sie lässt einfach zu, dass sich die dreidimensionale Bewegung des Pferderückens auf ihr Becken überträgt: Vor und zurück, hoch und runter, seitlich.
Diese Impulse wandern weiter in den Rumpf und lösen dort rhythmische Reaktionen aus, ganz automatisch. Währenddessen unterstützt Debora Marti die Patientin beim Sitzen auf dem Pferd und achtet darauf, dass die Bewegungen gut im Becken der Patientin ankommen. Eine Pferdeführerin lenkt das Tier.
Was bringt das Ganze eigentlich?
Die Bewegung des Pferdes bringt die Rumpfmuskulatur ins Gleichgewicht, verbessert Haltung und Balance, reguliert die Grundspannung der Muskeln. Marti spricht hier vom Muskeltonus. Für Menschen mit Erkrankungen des zentralen Nervensystems, nach einem Schlaganfall, bei Cerebralparese oder Multipler Sklerose, kann das den Alltag deutlich einfacher machen.
Auch Kinder mit Trisomie 21 profitieren oft davon. Sie haben meist einen niedrigen Muskeltonus, ihre Gelenke sind besonders beweglich, aber wenig stabil. Halten und Balancieren fällt entsprechend schwer, was bei der Therapie gefördert wird.
Nach rund dreissig Minuten hilft Marti der Patientin vom Pferd. Eine Sitzung von vielen, die im Alltag spürbar Linderung bringt. Für sie gilt es jetzt erstmals sich auszuruhen und die Therapie wirken zu lassen.

